Die Kolumne

Hier sollen in loser Folge Meinungen und Berichte vorgestellt werden, die uns interessieren könnten, zur Diskussion anregen oder einfach gelesen werden möchten. Und wer Lesenswertes beisteuern kann, ist herzlich eingeladen, es der Redaktion vorzuschlagen.

 

“…und führe uns nicht in Versuchung” – Gedanken zu einem Interview

Es ging durch die Presse und es gab reichlich Kommentare – Gott sei gedankt! Aber die sicherlich nur oberflächlich dahingesprochenen Worte unseres Pontifex Maximus – als “Brückenbauer” sollte man freilich seine Worte wägen und besser überlegen – müssen uns eigentlich alle, wenn uns an der Zukunft unser alle Mutter, der Kirche, gelegen ist, dazu bewegen Stellung zu beziehen. Übrigens hat sein Vorgänger, der emeritierte Benedikt XVI, die Vater-unser-Bitten mehrfach deutlichst dargestellt.

Hier nun zwei Einwände, die ich in den letzten Tagengelesen habe und die mir bedenkenswert erscheinen.

Michael Charlier schreibt in seinem Blog http://www.summorum-pontificum.de/ ,nachdem er den Mainzer Bischof Kohlgraf wie folgt zitiert hat: Bei der Bitte, dass Gott die Menschen nicht in Versuchung führen möge, gehe es nicht um kleine Versuchungen, „sondern um die Situation einer Grundentscheidung für oder gegen Gott“.
Um dann zu schließen:
Ja – gerade so, nur in noch einfacheren Worten, hat es uns seinerzeit der Kaplan im Religionsunterricht der Grundschule auch erklärt. So einfach, daß unsereins es nie vergessen hat. Schade, daß der kleine Jorge in Buenos Aires damals anscheinend keinen so guten Religionslehrer hatte und später dann auch noch unter die Jesuiten gefallen ist. Jetzt haben wir den Salat.

Von Vikar Benedikt Kickum, der uns noch von seinem großartigen Vortrag zur Fastenzeit bekannt ist, erhielt ich die folgenden Gedanken:

Und schenke uns den Weichspüler dazu…

Ich hoffe sehr, dass Gott größer ist als dieses Evangelium!“ Diesen Satz durfte man vor einiger Zeit in einem Vorwort eines Pfarrbriefes lesen. Immerhin, es war eine Hoffnung und keine Feststellung. Dennoch lässt sich an dieser Aussage vieles erkennen. Sperrige und schwierige Texte werden gerade gerückt und jenseits jeglichen Wort- und Traditionssinn umgelesen. Gott darf, ja er kann nicht mehr schwierig und sperrig sein! Er muss in unsere Vorstellungen wunderbar hinein passen. Folglich wird jegliches Sprechen Gottes von Strafe und Gericht mit der Keule der Liebe hinweggefegt. Selbst wenn jemand den Himmel wirklich nicht will, bekommt er diesen in der Liebe Gottes aufgezwungen. Gott kann nur noch barmherzig.

Szenenwechsel: Die unbedeutende deutsche Provinz wechselt mit der ewigen Stadt Rom, der Pfarrbrief mit Aussagen des Heiligen Vaters. 

Knapp 2000 Jahre beten die Menschen das Vater Unser als das Gebet der Christenheit schlechthin! Seit knapp 2000 Jahren jedoch leider falsch! Denn die sechste Bitte des Vater Unsers kann eben so nicht stimmen. Gott darf und kann uns Menschen eben nicht in die Versuchung führen, so etwas würde er niemals machen. Richtig ist daran, dass er uns sicherlich nicht zum Bösen anleitet! In die Situation der Grundentscheidung für oder gegen Gott können wir jedoch sehr wohl gestellt werden, auch von ihm. Als Beispiele können Abraham, das Volk Israel oder auch Hiob herangeführt werden. Ebenso kannten viele Heilige die Erfahrung der Gottferne, in der sie eben nicht geborgen und getragen waren von der Liebe Gottes. Ja, Jesus selbst wird vom Geist in die Wüste geführt und dort vom Teufel versucht, aber eben vom Geist in diese Situation hineingeführt! Und am Kreuz selber schreit er die Erfahrung der Gottferne für und mit allen Menschen, die diese Erfahrung machen, hinein in den Kosmos, in Zeit und Unendlichkeit, ja für immer vor Gottes Thron.

Aber es kann eben nicht sein, was nicht sein darf, selbst wenn ich dafür in Kauf nehme, dass Jesus eben falsch zu seinem Vater gebetet hat. 

Vielleicht sollten wir uns eher noch einmal tief und innig der schwierigen Bitte des Vater Unsers widmen, und Gott mit ganzem Herzen darum bitten, uns eben nicht alles nach unserem Bild zu gestalten. Gott ist eben so wie er ist und nicht so wie ich ihn gerne hätte!

Wolfgang Kühnhold

Fahren Sie hin!

Eine Pilgerfahrt nach Wisques

 

Über die Benediktinerabtei Abtei Notre-Dame de Fontgombault habe ich bereits berichtet, zum Besuch angeregt durch ein Kapitel aus dem immer noch lesenswerten Buch „Häresie der Formlosigkeit“ von Martin Mosebach. Das Eintauchen in das mönchische Leben von den frühen Morgenstunden der Matutin bis zur Komplet bietet für den gläubigen Katholiken ein tiefes geistiges Erleben. Der Tagesablauf, das Leben im Kloster ist geprägt durch die Regeln ihres Gründers. So fühlt man sich im Koster geborgen und angenommen, aber nie einer Irgendwie gearteten Doktrination ausgesetzt. Man ist frei, dem Tagesablauf zu folgen – oder nicht. Keiner der Mönche wird sich aufdringen. So heißt es etwa im 23. Kapitel der Benediktsregel: „Zu den Gästen darf sich keiner ohne Erlaubnis gesellen oder mit ihnen reden.“ (Absatz 23)

Dennoch schien im September 2013 etwas in Bewegung zu sein. Die Erlaubnis zum Umgang mit den Gästen hat der Père Hôtellier. Von ihm konnte man dann erfahren, was kurz darauf der Vater Abt bestätigte, was dann bald darauf in den verschiedenen Medien berichtet wurde: „Mönche aus Fontgombault gehen nach Wisques!“

Die Abtei Saint-Paul-de-Wisques war kurz davor, wegen Überalterung aufgelöst zu werden: „Disparaître ou accueillir du sang neuf .“ („Verschwinden oder frisches Blut empfangen“ in harter, wörtlicher Übersetzung), das war die Alternative, die so öffentlich geäußert wurde. Der sehr rührige Abt Jean Pateau von Fontgombault war bereit, dreizehn seiner Söhne in den Norden Frankreichs zu entsenden. Beide Abteien gehören zur Mönchsfamilie von Solemnes, was das Verfahren erleichterte. Allerdings stellte Abt Pateau eine Bedingung: Rückkehr zum „alten“ benediktinischen Stundengebet und zur Feier des Messopfers in der Konventsmesse in der überlieferten Form. Die vierzehn überalteten Mönchen von Wisques wurden vor die Wahl gestellt zu bleiben oder ihren Lebensabend in anderen Klöstern zu verbringen. Vier unterzogen sich dem Wechsel und blieben in Saint-Paul, so daß am 10. Oktober 2013 mit nunmehr achtzehn Benediktiner ein neues Kapitel in der Geschichte der Abtei von Wisques aufgeschlagen werden konnte. Der vorläufige Höhepunkt ist nun, daß am 4. Juni 2016 in der alten Kathedrale von Saint-Omer der Bischof von Arras, Jean-Paul Jaeger, den bisherigen Prior Dom Philippe de Montauzan zum sechsten Abt von Wisques weihen wird.

Das Land um Calais ist von Ostwestfalen leichter zu erreichen als Fontgombault, tief im Herzen Framkreichs. Ein Versuch ist es wert, zumal Dom Pateau bei seinem letzten Abschied freundlich in seinen neuen „Abzweig“ eingeladen hatte: „Kommen Sie und sehen!“ Warum also nicht die Heilige Woche 2014 zu einer Pilgerfahrt in den Norden Frankreichs nutzen? Denn auf die Feiern in der außerordentlichen Form zur Karwoche und Osternacht in unserem vertrauten Gotteshaus warten wir vorläufig wohl vergebens. Nach der Verständigung mit dem Père Hôtellier – es ist erstaunlich, wie bekannt man doch wird, auch wenn das 23. Kapitel dem Mönch einen vertraulichen Umgang verbietet – sind wir willkommen.

Mit Hilfe des Navigators wird die Fahrt problemlos werden: in Richtung Niederlande, Eindhoven, Antwerpen, Gent, Brügge, Dunkerque, Saint Omer, Wisques – das sind die Wegmarken. Beim ersten Mal haben wir es noch mit dem Autoatlas und ab Gent der E17 folgend versucht; da ging es in Richtung Ieper und dann über Landstraßen. Das war zwar etwas länger, aber mit vielen, reizvollen, landschaftlichen Schönheiten, besonders den Inselbergen in der nordfranzösischen Tiefebene; einen davon fährt man in geradezu alpinen Kurven hinauf zum malerischen Städtchen Cassel!

Auf einer solchen Anhöhe liegt auch der kleine Ort Wisques. Den Hinweisschildern zur Abtei zu folgen ist dann auch nicht mehr schwer. Doch Vorsicht! Unvermutet gelangt man zu einem Kloster der Benediktinerinnen, der Abtei Notre-Dame! Was wir suchen ist die Abtei, die dem Heiligen Paulus geweiht ist! Und auch da gibt es Hinweisschilder, kleiner zwar, aber immerhin, es gibt sie. Doch Wisques ist nicht so groß, als daß man sich nicht schnell zurecht finden könne.

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Die Einfahrt zu Abtei – unscheinbar, doch viel dahinter

Die Abtei Saint-Paul gleicht auf den ersten Blick eher einem Château. Bald erfährt man auch, daß der Schein nicht trügt. Die Anlage ist in ein alten Schloß integriert. Während der Bau der Nonnen sich auf dem Gipfel des Hügel erhebt, liegt die Abtei Saint-Paul an seinem Fuße. Das hat mit der Geschichte der Klostergemeinschaften in Wisques zu tun. Die ersten Benediktiner wurden zur Seelsorge für die Schwestern gerufen, die zuerst da waren. Sie wohnten in einem kleinen Herrenhaus unweit des Schlosses, während die Benediktinerinnen noch im Château residierten. 1889 wurde dann das neue Kloster für die Benediktinerinnen gebaut; die Mönche, deren Zahl mittlerweile angewachsen war, zogen nun in das Château, wo sich bald auch für die Männergemeinschaft ein blühendes Klosterleben entfaltete. Noch heute zeugt davon der große Kreis der Freunde der Abtei „Association des amis de l’abbaye Saint Paul de Wisques“: Zu den Mitglieder zählen auch Freunde aus Belgien, Südengland und Deutschland.

016Die Pforte zum Château – rechts dahinter Teile des Neubaus

Die erste Begrüßung folgt weitgehend den Regeln des Heiligen Benedikt: „Sobald nun ein Gast gemeldet ist…“ Im Pförtnerhaus meldet man sich an, der diensttuende Bruder ruft den Père Hôtellier, der nun im Auftrag des Oberen handelt. „Zuerst sollen sie ein gemeinsames Gebet verrichten und dann durch den Friedenskuß miteinander in Gemeinschaft treten.“ Zum Abendessen dann: „Der Abt reiche den Gästen Wasser zum Waschen der Hände.“

Das Gästehaus, erbaut 1968, ist durch einen Laubengang vom Klostertrakt getrennt.

014Links das Gästehaus, der Laubengang, rechts einer der sieben Türme, frisch renoviert. Im Hintergrund das Château.

Zu den Mahlzeiten öffnet der Père Hôtellier die Tür und führt die Gäste durch winklige Gänge, über Stufen und durch die verschiedensten Türen hin zu einer gewundenen Treppe abwärts in den wunderschönen Teil des hohen Kreuzganges, in Jugendstil und Art decor, mit farbig glasierten Ziegeln gemauert, von dem das Refektorium abzweigt. Hier erwartet der Prior – und ab dem Juni 2016 der Vater Abt – die Gäste und erweist den Neuankömmlingen das Ritual der Handwaschung. Auch die Kirche, 1967 erbaut, ist zu den Stundengebeten und den Messfeiern nur mit einem Weg um das Schloß herum zu erreichen, ein Spaziergang, der der Sammlung dienen kann,bei Regen jedoch eher zum Sprinten Anlaß bietet.

009Blick von der Straße auf den Glockenturm mit “Le Grand Bertin”

Es ist sicherlich eine ganz andere Atmosphäre als in Fontgombault. Die Mönche aber sind zuversichtlich und finden sich gut in die neuen Gegebenheiten. Die meisten kennen sich ja von Fontgombault und die alten, die geblieben sind, gehören jetzt einfach dazu. Sicherlich hatte der Prior es in der ersten Zeit nicht leicht, alle in das neue Gefüge einzupassen. Aber die Oberen wußten wohl genau, wem sie diese Aufgabe zutrauen konnten. Dom Philippe de Montauzan, 66 Jahre alt, hochgewachsen, ruhig und von großer Charakterstärke, war in Fontgombault Novizenmeister und Leiter der Schola. Als neuer Prior und jetzt als Abt hat er dafür Sorge getragen, die Abtei von Wisques wieder aufleben zu lassen.

Das ist bisher erstaunlich gut gelungen. Daß noch nicht einmal nach drei Jahren der Entschluß gefaßt werden konnte, dem Kloster wieder einen Abt zu geben, spricht eine deutliche Sprache. Das klösterliche Leben pulsiert! Wie in N. D. de Fontgombault werden nach der morgendlichen Laudes an allen Altären Stillmessen gefeiert; im Kirchenraum sind an vier Altären die ersten Gläubigen um die zelebrierenden Priester versammelt. Weitere Altäre sind leider im Kirchenschiff nicht unterzubringen, sie finden sich im Bereich der Klausur an verschiedenen Stellen. Die räumlichen Gegebenheiten lassen bei manchen Mönchen immer noch Heimweh nach Fontgombault aufkommen; dennoch, das alte Schloß, an das ein Kreuzgang und die Klausur angebaut worden sind, hat seine Reize. Lediglich der verklinkerte Kirchenraum aus den Siebzigern, wo die Trennung zum Chorgestühl gerade einmal aus der Stellung der Bänke erkennbar ist, kann die berechtigten Wünsche nicht ganz erfüllen. Die Außenfassaden der Gebäude werden jedoch nach und nach sehr gut restauriert und die Abtei mit ihren sieben Türmen, umgeben von Waldstücken, macht ein gutes Bild!

Das Wichtigste jedoch: Das Kloster lebt, vibriert! Die Konventsmessen nach der Terz sind auch an Wochentagen gut besucht. An Festen müssen sich des öfteren manche Gläubige mit “Stehplätzen” begnügen, wie in den fünfziger Jahren in Deutschlands Pfarrkirchen! Auch zu den Stundengebeten sind die Mönche nie allein. Und dabei liegt Wisques wirklich “auf dem platten Land”, der kleine Ort selbst wirkt oftmals wie ausgestorben.

Gewohnt an handfeste Arbeit haben die Mönchen aus Fontgombault – in der Mehrzahl Priester! – sofort zugepackt. Es wird gerodet, urbar gemacht, in allen möglichen Gewerken Selbständigkeit zu erreichen versucht. Ein Pater, Priester und Schuhmacher, sucht dringend ein Schuhpresse für seine Arbeit! Es wird zwar noch einige Zeit dauern bis die Abtei autark leben kann, aber die Anfänge sind gemacht. Auf allen Gebieten geht es voran. Im Jahre 2015 wurde ein große Kirchenglocke erworben und von Abt Pateau geweiht: „Le Grand Bertin“ tut nun seinen Dienst im Glockenturm, der frei neben der Kirche steht. Ein Uhrenturm über dem Pförtnerhaus konnte wieder renoviert werden; jetzt erklingen zu allen Viertelstunden wieder die Glockenzeichen.

023Der renovierte Uhrenturm

Für die Sonntagsmesse im novus ordo steht für die Bürger von Wisques eine Kapelle in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Schlosses bereit, ebenfalls von den Mönchen versorgt; der seelsorglicher Dienst bei den benachbarten Benediktinerinnen wird selbstverständlich weiterhin geleistet. Auch Postulanten fanden sich ein, mußten aber nach einer Probezeit wieder Abstand nehmen. Aber voll Zuversicht ist man sich sicher, daß der Herr schon seine Diener rufen wird.

015Das ehemalige Wirtschaftsgebäude dient der Gemeinde von Wisques zum sonntäglichen Gottesdienst in der neuen Ordnung.

 

Fremde Besucher sind stets willkommen. Der äußerst rührige Père Hôtellier freut sich über ein stets nachgefragtes Gästehaus, das zu Ostern 2014 eine bunte Mischung aus Franzosen, Holländern, Engländern, Deutschen und Schweden bevölkerte. Das hat sich in den folgenden Jahren nicht verändert, eher hat die Zahl der Gäste zugenommen. All das zeigt, daß das Experiment “Rückkehr zum Alten” gelungen ist. Es war an der Zeit, daß der Ortsbischof, Mgr. Jaeger, der Abt von Solesmes und auch Dom Pateau den Mönchen die Wahl eines Abtes ankündigen konnten. Die Wahl ist vollzogen, die Weihe folgt. Unter Dom Philippe de Montauzan kann nun auch im Norden Frankreichs, für deutsche Interessenten leichter als Le Baroux oder Fontgombault erreichbar, ein geistliches Zentrum für ordo antiquor erblühen. Fahren Sie hin! Es lohnt sich.

024Die nächtlichen, dunklen Stürme sind für Wisques vorbei!

 

weitere Informationen:

http://www.abbaye-saint-paul-wisques.com/

http://www.famillechretienne.fr/eglise/vie-de-l-eglise/mort-et-resurrection-a-l-abbaye-saint-paul-de-wisques-109552

http://belgicatho.hautetfort.com/archive/2013/12/05/ancien-rite-et-nouveaux-horaires-pour-l-abbaye-de-wisques-no-5238979.html

https://fr.wikipedia.org/wiki/Abbaye_Saint-Paul_de_Wisques

Wolfgang Kühnhold

 

Eine Pilgerfahrt nach Fontgombault

Es ist schon eine lange Reise, um zu den Söhnen des Heiligen Benedikt nach Fontgombault zu kommen! Es empfiehlt sich, eine Zwischenstation einzulegen. Daß diese Station in Paris liegt, scheint nicht gerade einsichtig. Aber wer einmal in St. Eugène et Cecile gewesen ist, wird immer wieder gerne hier die Hl. Messe mitfeiern.

Aber das ist ein andere Geschichte und eine besondere Reise wert.

Wenn es am nächsten Tag dann über die Autobahnen weiter nach Süden geht, lernt man die Einsamkeit und Weite Frankreichs kennen. Leere Landstriche, Getreidefelder, Heide, Wälder wechseln sich ab. Irgendwann tauchen die Türme der Kathedrale von Orleans auf – aber da zieht es uns diesmal nicht hin. Weiter! Die Abfahrt nach Vierzon nicht verpassen! Dann in Richtung Limoges, an Châteauroux vorbei, daß sich nur mit seinem Flugplatz bemerkbar macht (eigentlich könnte man demnächst versuchen, bis hierher zu fliegen). Danach liegt rechts die wunderbare Naturlandschaft der Brenne, ein urwüchsiges Seen und Sumpfgebiet, eigentlich auch eine Reise wert! Dann taucht endlich die Abfahrt nach Le Blanc auf. Talwärts geht es, bis man das Städtchen zu Füßen der mittelalterlichen Burg Naillac erreicht hat.

Bei meinem ersten Besuch bin ich ganz schön durch die Gassen und Einbahnstraßen hin und her gefahren und habe die Abzweigung nach Châtellerault gesucht. Schließlich kam die Einsicht: Am Ufer der Creuse mußte es entlanggehen! Tatsächlich steht dann am Ortsausgang von Le Blanc ein Hinweisschild: Fontgombault, in Kursivschrift darunter: Abbaye N.D. de Fontgombault. Von hier aus sind es nur noch zehn Minuten Fahrt, durch halbverfallene Ortschaften, über eine kurvenreiche Straße, stets den Fluß zur linken, der nach jeder Wegbiegung immer wieder überraschende, wildromatische Bilder bietet. Dann ist das verschlafene Nest Fontgombault erreicht; am Ortsausgang beginnt zur Linken die Klostermauer, die den Obstgarten umgibt. Nun nicht die Einfahrt verpassen, nach der letzten Kurve gleich links – und dann öffnet sich die lange Allee, die zur Klosteranlage hinab führt. Die neu errichtete Statue der Gottesmutter empfängt uns.

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Außenansicht vom Vorplatz. Links: Kirchenportal, Mitte: Klostereingang neben dem Pförtnerhaus und Klostermauer, dahinter bis nach rechts außen: Gästehaus

 

Nach der Anmeldung an der Pforte kommt Père Hôtellier, leicht vornüber gebeugt, und ergreift trotz unseres Protestes die Koffer, gibt mit dem Kopf einen Wink und geht voran in die Kirche. Nach den Anstrengungen der Reise umfängt uns die Kühle und Stille des Gotteshauses. Père Hôtellier stellt die Koffer ab und reicht das Weihwasser. Wir knien nieder zu einem stillen Gebet. Wir sind angekommen.

Immer noch bleibt unser erster Besuch im Gedächtnis. Martin Mosebach hatte mit dem Kapitel „Die Avantgarde der Tradition – Die Benediktiner von Fontgombault“ in seinem Buch „Häresie der Formlosigkeit“ den Impuls dazu gegeben. Ein Gelübde sorgte dafür, daß wir selbst erleben durften, was Mosebach uns so bildhaft vorgestellt hatte.

Die Zimmer im Gästehaus sind nicht luxuriös, was auch niemand erwartet hatte, aber dennoch heimelich. Nach und nach werden sie in Eigenleistung und mit Hilfe der Gäste renoviert. Der Betstuhl, eine Weihwasserschale, eine kleine Auswahl aus der Bibliothek sind selbstverständlich, ein Waschbecken, Handtücher, sehr weiches Bett; Toiletten und Dusche auf dem Flur. Aber das ist alles nebensächlich, Teil von etwas viel Größerem. Jetzt ist man “eingebettet” in den klösterlichen Tagesablauf. Die Glocke ruft zur Vesper. In den Bänken des Schiffes sammeln sich erste Beter. Dann ziehen die Mönche in ruhiger Prozession ein. „So viele?“ staunt eine deutsche Touristin hinter uns. An die siebzig Ordensbrüder nehmen im Chorgestühl Platz. Alle Altersstufen sind vertreten, in diesem Jahr bilden zwei junge Männer im bürgerlichen Anzug den Abschluß der Prozession. Einen Tag später haben sie die Tonsur empfangen und tragen das Kleid des Heiligen Benedikt. Um Nachwuchs braucht sich der Vater Abt keine allzu großen Sorgen machen.

  IMG_0546Blick in das Hauptschiff der Kirche

 Zum Abendessen versammeln sich die Gäste am Fuß der großen Treppe im Gästehaus und werden dann vom Père Hôtellier oder seinem Assistenten Frère François Larroque durch den Kreuzgang ins Refektorium geführt. An der Türe erwartet die Neuankömmlinge der Vater Abt zur Begrüßung, ein Bruder hält einen golden Krug, ein Wasserbecken und ein Leinentuch bereit. Der alten Regel gemäß werden den neuen Gästen hier vom Klostervorsteher die Hände gewaschen.

Nach dem Gebet wird schweigend das Essen eingenommen. Es bietet, wenn nicht gerade Zeit des Fastens ist, französische Landkost in mehreren Gängen, dazu stets frisches Obst aus den Gärten. Und wenn das klostereigene Brot gebacken wird, erfüllt der Duft den Gastgarten, der direkt neben der Küche liegt.

Der Tagesablauf ist durch das benediktinische Stundengebet geprägt. Früh, meist zehn Minuten vor fünf Uhr, weckt uns die Glocke. Die Gäste sammeln sich dann „am Fuß der großen Treppe“, an der Tür zur Kirche, wo ein Bruder alsbald öffnet, und der Tag mit der Matutin beginnt. Beim Übergang zu den Laudes geschieht ein kleines Wunder: die Orgel setzt ein und begleitet ab jetzt unsere Psalmen und Gesänge, während das Tageslicht langsam durch die Fenster bricht.

Das nächste Wunder hat Martin Mosebach eindrücklich beschrieben. Die Priester unter den Mönchen, gegenwärtig sind es fünfunddreißig, feiern die Heilige Messe. In stiller Geschäftigkeit und unbemerkt waren die Altäre an den Säulen, im Querschiff und im Rund des Altarraumes bereitet worden, die Kerzen an den Altären sind entzündet. Erst nach den Laudes werden die Kirchentüre entriegelt, die ersten Besucher kommen in den Heiligen Raum und von der Sakristei aus begeben sich die Ze- lebranten mit einem Ministranten zu den Altären. Man muß es gesehen haben, am besten von der großen Eingangstüre aus, wie im dunklen Kirchenschiff von den Altären das Kerzenlicht sich Raum verschafft, wie in der großen Stille das Kreuzesopfer sich in unblutiger Weise erneuert. Jeden Morgen, an allen Altären, immer wieder neu vollzieht sich das mysterium fidei, zum erste Mal gegen sieben Uhr und danach noch einmal gegen sieben Uhr dreißig. Mit leisester Stimme wechseln Priester und Ministrant die Gebete beim Introitus und den folgenden Grußformeln.

Père Sacristain und seine Helfer haben für den reibungslosen Ablauf alles eingerichtet. Am Abend vorher können fremde Priester, die zelebrieren, oder Gäste, die ministrieren möchten, bei ihm vorstellig werden. Unvergessen bleibt mein Altardienst am Altar der Hl. Maria Magdalena – rechts, zweite Säule von hinten. An meinem Altar ist die Stufe, aus dem Kalkstein der Gegend gemeißelt, an der rechten Seite durch zwei leichte, runde Aushöhlungen charakterisiert; sie stammen von den Knien der zahlreichen Ministranten, die hier dem zelebrierenden Priester gedient haben.

Nach diesem ersten Gottesdienst folgt die Prim, dann erst das Frühstück. Das Kapitelsamt mit zuvoriger Terz wird um zehn Uhr gefeiert. Der leicht nach links gedrehte Altarraum ist dann mit den Riten in der altehrwürdigen Form optischer Mittelpunkt, dazu kommen die notwendigen akustische Eindrücke: Proprium und Ordinarium von der Schola und der versammelten Gemeinschaft legen dar, wie sehr zur Feier der Messe der Gregorianische Choral gehört. Sext, Non, Vesper folgen, die Komplet beschließt den Tagesablauf, viele Mönche bleiben auch danach noch zum stillen Gebet in der Kirche.

Die „freie“ Zeit verbringt der Gast mit Lektüre, Spaziergängen oder Wanderungen durch den Naturpark der Brenne. Er kann sich aber bei auch Frère François Larroque melden und bei den verschiedensten Arbeiten, die bei einem so großen Wirtschaftsunternehmen – auch das ist ein Kloster – anfallen, den Mönchen zur Hand gehen. Falls es einmal in der Zeit der Weinernte sein sollte, so empfiehlt es sich auf jeden Fall mit Hand anzulegen.

Notre-Dame de Fontgombault gehört heute zur Ordensprovinz von Solesmes. Die Anfänge gehen bis ins erste Jahrtausend. Auf der linken Seite der Creuse, gegenüber den heutigen Klosterbauten, sind in den Felsen gehauen noch die Höhlen der Eremiten zu bestaunen; dort steht im verwilderten Ufergestrüpp auch die Kapelle des Hl. Julian. 1091 gründete Pierre de L’Etoile ein benediktinisches Kloster. Eine wechselvolle Geschichte mit englischer Garnison, Hugenottenzerstörung, Revolution, mit Übernahme durch Lazaristen und Trappisten, mit unterschiedlichster Nutzung mündet schließlich in der Rückkehr der Benediktiner im Jahr 1948, am Fest Mariä Namen. Im heutigen Kirchenbau finden sich Elemente des 12. und 13. Jahrhunderts, die bei der Restaurierung im 19. Jahrhundert mit einbezogen worden sind. So bietet sich heute ein dreischiffiger Bau, hoch aufragend im schlichten Grau und ohne weiteren Schmuck als die strenge Schönheit der Architektur. Lediglich die bunten Fenster beleben den Raum. Umso intensiver wirkt die kleine Statue „Notre-Dame du Bien-Mourir“ im rechten Seitenschiff, aber auch die erschreckend realistische Darstellung des gekreuzigten Heilands neben der Eingangstüre.

IMG_0538  Das Kruzifix neben dem Eingang. Auf der Wand sind im Gestein
die unterschiedlichen Phasen des Wiederaufbaus dokumentiert.

 Bei genauerem Hinsehen fallen allerdings weitere Schönheiten auf: Kapitelle und kleinere Steinmetzarbeiten über Türen, am Portal oder als Schlußsteine im Gewölbe. An das nicht sehr ausladende Querschiff, in dessen nördlichem Teil die große Orgel aufgestellt ist (die kleinere zum Chorgebet steht rechts über dem Chorgestühl), schließt sich weit ausladend das Sanktuarium mit dem Hauptaltar und der Chorumgang an, wundervoll ausgeleuchtet durch die farbigen Fenstern in den fünf halbrunde Seitenkapellen und im darüber liegenden, zurückspringenden Halbkreis der Apsis.

Das Ordensleben in dieser Abtei ist intensiv, man merkt es bei jedem Schritt, bei jeder Begegnung. Schweigend, aber freundlich wird der Gast von der Gemeinschaft aufgenommen. Und was nutzt auch das viele Reden? Bereits nach wenigen Stunden merkt der Gast, wie wenig es hier auf das laute Wort ankommt. Eine große Ausstrahlung geht von dieser Gemeinschaft aus, die immer wieder junge Männer hierher zieht, in jedem Jahr sind es ein bis zwei. „Neuzugänge“. Gerade die Strenge der alten Benediktsregel ist es wohl, die diese Faszination ausmacht. Und natürlich der überlieferte Ritus des Heiligen Messopfers, obgleich die sogenannte außerordentliche Form für den Einzelnen nicht verpflichtend ist. Nachwuchsprobleme, wie sie in deutschen Klöstern gang und gäbe sind, gibt es hier nicht. Im Gegenteil: Neugründungen gehen von Fontgombault aus. So etwa in der Diözese Clermont die Abtei von Randol (1971), in Triors (1984), ja selbst in den Vereinigten Staaten ist das Kloster von Clear Creek (Oklahoma) eine Gründung von Fontgombault. Und nun werden ab Oktober 2014 17 Mönche aus Fontgombault ins Kloster St. Paul zu Wisques (nahe an der beldischen Grenze, in 6 Stunden von uns zu erreichen) einziehen.

Natürlich stellt man sich die Frage, ob es nicht auch in Deutschland möglich ist, eine solch blühende Ordensgemeinschaft ins Leben zu rufen. Immerhin leben zwei Deutsche im Kloster von Fontgombault. Diese Frage habe ich Père Troupeau gestellt, der nach Erlaubnis vom Vater Abt uns bereitwillig zu allen Fragen Antwort gab. Warum sollte es nicht gelingen, daß diese strenge Ordensfamilie auch in unser Land einzieht? „Schicken Sie uns Alumnen, dann wird es möglich sein. Und vor allem: Beten Sie für diese Ausbreitung!“ war seine Antwort. „Wenn genügend Deutsche eintreten, kann das bald der Fall sein.“ Ein kühner Gedanke wächst da in mir. Sollte es nicht möglich sein? Wenn aus jeder deutschen Diözese einer, nur einer, sich bereit fände, dann könnten auch wir bald vom Segen eines solchen Klosters profitieren.

Wolfgang Kühnhold

PS.: Die schönsten Eindrücke erhält der Interessent durch die Bilder von Pawel Kula in: Benedykt XVI: Duch liturgii, Poznan 2007 (i.e.: Polnischen Übersetzung von Ratzinger, Joseph: Der Geist der Liturgie) ISBN 978-83-88481-54-3.
Die Gesänge sind ebenfalls in mehreren CD-Veröffentlichungen bei ART et MUSIQUE, 10 rue Belle Poignée, F 49100 Angers dokumentiert.